Bibellehre

Der Ölberg

Pfr. Henk Poot - 27 April 2019

Wer vom Ölberg auf die Stadt hinabblickt, bekommt ein wunderbares Bild von Jerusalem mit seiner ganzen Schönheit und seinem Unvollendet-Sein. Vor uns liegen das Goldene Tor und der Tempelplatz mit dem bekannten Felsendom.

Man sieht die Mauern der Stadt, an deren Südseite die Treppen die einst zum Tempel hinaufführten. Man sieht das Dach der Hurvas-Synagoge und dahinter wieder die Dächer der Kirchen in der Stadt, die uns an Golgatha und die Auferstehung Christi erinnern. Links liegt der Berg Zion mit dem Grab Davids und dem Saal des Letzten Abendmahls. Hier hat sich einst alles zugetragen. Hier haben die Opfer gebrannt und die Tempelgesänge geklungen. Hier war Abraham gewesen. Hier hat David regiert. Hier haben die Propheten gepredigt und die Apostel geredet. Hier hat nach der Ausgießung des Heiligen Geistes das Evangelium seine Reise durch die Welt angefangen.
Hier hat Jesus über die Stadt geblickt und ihre Verwüstung vorausgesehen. Hier hat er geweint. Er hat prophezeit dass Jerusalem von den Nationen zertreten werde, bis Gott das Schicksal seines Volkes wenden werde und Israel ihn begrüßen werde mit den bekannten Worten aus Psalm 118: „Gesegnet sei, der kommt im Namen des HERRN“. Eine der Kirchen auf dem Berg erinnert noch daran: Dominus Flevit („Der Herr hat geweint“).

Berg des Verlassens                                                                                                                                                                                                         Man könnte den Ölberg „Berg des Verlassens“ nennen. Hier stand David und sah sich weinend um auf die Stadt, die sein Kind Absalom eingenommen hatte (2. Samuel 15,30). Hier ruhte die Herrlichkeit Gottes, nachdem dieser bei dem herannahenden Untergang Jerusalems und dem Beginn der Babylonischen Gefangenschaft (Hesekiel 11) das Heiligtum verlassen hatte. Hier fuhr Jesus zum Himmel empor und seine Jünger starrten hinter ihm her.                                                                                                                                                                                                                               Man könnte den Ölberg aber auch Berg des Gebets nennen. Hier verbrachte Jesus zwischen seinem Aufenthalt in Betanien und seinen Tempelbesuchen die Nacht. Am Fuß des Berges liegt Gethsemane. Wo Jesus weinend gebetet und sich dem Willen Gottes hingegeben hat um den Weg des Kreuzes zu gehen. Oben am Giebel der Kirche die hier steht, stehen zwei Hirsche abgebildet als Hinweis auf Psalm 42: „Meine Seele dürstet nach Gott“. Hier auf dem Ölberg beteten die Juden auch um Erlösung, als ihnen jahrhundertelang, bis ins siebte Jahrhundert, der Zutritt zur Stadt untersagt war, zuerst durch Römer, nachher durch Christen.

Berg der Erlösung                                                                                                                                                                                                 Schließlich ist dies der Ölberg ja auch: Berg der Erlösung. Oliven sind bitter, aber durch Pressung geben sie das süße, milde Öl preis. Es ist ein Bild der Heilsgeschichte: die letztendliche Errettung trotz allen Drucks. Jesus unterrichtete hier seine Schüler von dem was kommen sollte: die Verfolgung, die Zeichen der Zeiten und das Kommen des Menschensohnes mit all seinen Engeln.
Öl ist ein Symbol des Heiligen Geistes. Das Wort ist in der Sprache der Bibel verwandt mit der Zahl „8“. So erhält Asser, der achte Sohn Jakobs, folgenden Segen: „Er tauche in Öl seinen Fuß!“ (5. Mose 33,24). Ebenso wie „Öl“ weist auch „acht“ hin auf die Reichweite Gottes, auf das was unsere Siebentagewoche übersteigt. Deshalb werden die Knaben Israels am achten Tag beschnitten. So sind die Wörter für „Öl“ und „acht“ auch verwandt mit dem Wort für Himmel. Und nicht umsonst: über diesem Ölberg wird einst der Himmel sich öffnen.

Berg der Wiederkehr                                                                                                                                                                                                        Der Berg hat nicht immer Ölberg geheißen. Nach jüdischer Tradition wird geredet vom „Berg der Salbung“, weil man meinte die Könige Judas seien hier gesalbt worden. Ob dies wahr ist, weiß ich nicht. Es ist aber wohl Tatsache, dass Jesus hier von seinem Volk als König eingeholt wurde, als er auf einem Esel den Berg herabgeritten kam und sich vor den Augen hunderttausender Pilger die Prophetie aus Sacharja 9 erfüllt hat: „Juble laut, Tochter Zion, jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir: Gerecht und siegreich ist er, demütig und auf einem Esel reitend“ (Vers 9). Gejauchzt haben sie und wir wissen dass Prophetien sich wiederholen können

Durch welches Tor Jesus Einzug gehalten hat, ist nicht klar erkennbar. Wahrscheinlich durch ein Tor an der Stelle wo heute ungefähr das Löwentor liegt. Vielleicht das Goldene Tor, aber auch das ist späteren Datums. Dass die Moslems es zugemauert hätten um den Einzug des Messias aufzuhalten, ist nicht gewiss. Es gibt auch Quellen die darauf hindeuten, dass die Templer das getan hätten. Sie hatten auf dem Tempelplatz ihr Hauptquartier, aber mit diesem Tor hatten sie nichts am Hut. Auch dass der Ölberg teilweise voller Gräber liegt, weil man bei der Auferstehung dem Messias so nahe wie möglich sein möchte, ist eine Story späteren Datums. Letztendlich aber trifft es schon zu. Hier wird der Gesalbte herabkommen und für sein Volk kämpfen. Diesmal nicht als Lamm, sondern als der Löwe Judas. Von hier aus wird er in die Stadt einziehen und den Tempel wiederaufbauen. Dann werden auf dem Ölberg die Füße des Allmächtigen stehen (Sacharja 14,4). Hier wird Gott schließlich nach Jerusalem wiederkehren. Der Prophet der von Gottes Weggehen erzählt hat, prophezeit auch seine Wiederkehr: „Und siehe, die Herrlichkeit des Gottes Israels kam vom Osten her; und ihr Rauschen war wie das Rauschen großer Wasser, und die Erde leuchtete von seiner Herrlichkeit“ (Hesekiel 43,2).

 

 

[Übersetzung: Heinz Volkert]

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Pfr. Henk Poot

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