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  • Simchat Thora | Photo Credit: Image free of copyrights under Creative Commons CC0
Bibellehre

Jesus und die Thora

Pfr. Jaap de Vreugd - 8. April 2019

Jahrhunderte lang gingen Bibelwissenschaftler davon aus, dass Jesus sich radikal vom Judentum und der Thora gelöst habe. Doch diese Vorstellungen sind nicht richtig. Jüngere Studien zeigen genau das Gegenteil, nämlich, dass Jesus ohne seine Verwurzelung mit Israel und dem Judentum nicht zu verstehen ist. Dennoch erweisen sich jene Vorstellungen als recht hartnäckig. Noch immer wird stereotyp behauptet, das Judentum sei gesetzlich im Sinne von legalistisch bzw. formalistisch und im Gegensatz dazu stünde die Gnadenbotschaft des Christentums: im Judentum die drückende Schwere des Gesetzes, in der Kirche das Evangelium einer befreienden Gnade. Dieser Gegensatz besteht in der Weise nicht. Die Frage nach Jesus und der Thora bleibt also aktuell.

Bergpredigt
Diese Frage kommt in zugespitzter Form auf uns zu, wenn wir die Bergpredigt studieren. Stimmt es, dass aus dieser Magna Charta der Predigt und Lehre Jesu dessen Loslösung vom Thora-Judentum in voller Prägnanz hervortritt? Lapide, ein bekannter jüdischer Theologe und Journalist, der eingehend das Neue Testament und Christentum studiert hat, erzählt von einer Einladung zu einer Konferenz einer katholischen Akademie über die Bergpredigt. Als eine Art Köder wurde angedeutet, dass Jesus die ‚gesetzmäßige Religion des Judentums vom Sockel gestoßen hat. Dies bildet den Auftakt zur befreienden Botschaft des Neuen Testaments, die nichts mehr gemein hat mit den Ängsten und Zwängen einer legalistischen, formalistischen Religion‘. Jesus habe sich, so mehrere Ausleger, nicht nur vom Judentum sondern sogar auch von der Thora gelöst, jedenfalls von der Thora wie sie in der Tradition Israels gängig ist. Dies gehöre alles zum Alten Bund. Wo wir heute in der Situation des Neuen Bundes leben, ist das Alte –  einschließlich des Gesetzes – vorbei. Wenn Paulus poniert, dass Jesus „des Gesetzes Ende ist“ (Römer 10,4) oder – in neueren Übersetzungen – des Gesetzes „Ziel“, so müsse dies dem Gedankengang folgend doch heißen, dass das Ziel erreicht worden sei. Also sei das Ende gekommen bei Jesu Vollbringung seines Werkes. Alles intensive Bemühen um die Thora, wie dies die jüdische Tradition so eindrucksvoll an den Tag legt, müsse da doch zumindest Repristination (Wiederbelebung von etwas Früherem) sein, wenn nicht gar Feindschaft und Widerstand gegen Gottes wahre Absichten. Thora-Judentum sei ein Fossil, das sich seit Jesus Christus selber längst überlebt habe.

Auflösung oder Erfüllung
Ich finde es eigentlich erschütternd, dass offenbar das doch so klare Wort Jesu selber so wenig ernst genommen wurde. Ich meine z.B. seine Aussage in Matthäus 5,17: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen“. Auch in der Elberfelder revidierten Übersetzung lesen wir: „Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen“. Das dürfte doch klar genug sein: Jesus löst sich nicht von der Thora, sondern als gesetzestreuer Jude, der in der Tradition seines Volkes steht, ist es sein höchstes Bestreben die Thora zu erfüllen. Sogar bis in die kleinsten Einzelheiten, also bis zum Tüttelchen und Jota; bis zum kleinsten Satzzeichen und dem kleinsten Buchstaben. Das gesamte Gefüge der Thora muss sozusagen intakt bleiben. Alle Buchstaben, alle Satzzeichen haben ihre Bedeutung. Solange es die Schöpfung gibt, hat die Thora ihre Bedeutung: Solange es Himmel und Erde gibt, behält jedes Jota, jedes Tüttelchen seine Kraft, bis alles geschehen ist (Vers 18). Flusser weist dabei auf die rabbinische Überzeugung hin, dass man die Thora betrachte als eine kosmische Macht. Rabbi Elasar hat gesagt: „Ohne die Thora würde es Himmel und Erde nicht geben“. „Ebenso gibt es rabbinische Parallelen zur Geltung der Häkchen (Tüttelchen) und des Jotas (Jod), des kleinsten Buchstabens aus dem Alphabet, die nicht ohne moralische Gefahr aus Moses Thora entfernt werden können“. Jesus hat also bei weitem nicht die Absicht die Thora zu entkräften oder als veraltet zu betrachten. Ganz im Gegenteil: Er erfüllt und vollbringt sie und führt so die wahre und tiefe Bedeutung der Thora  ans Licht. Flusser gibt „erfüllen“ wieder als „errichten“: Jesus errichtet die Thora. Er weist dabei auf den gängigen rabbinischen Sprachgebrauch hin, wenn es sich um die Auslegung der Thora handelt: Wer die Thora falsch interpretiert, „löst“ das Wort der Thora „auf“, wer die richtige Interpretation gibt, „erfüllt“ das Wort oder „errichtet“ es. Jesus kann also einzig und allein beabsichtigen die Thora nicht nur vollkommen ernst zu nehmen, sondern auch intensiv nach der richtigen Interpretation der Thora zu suchen um sie so zu erfüllen und zu errichten. Dies nun tut er ganz im Sinne der jüdischen Tradition!

[Übersetzung: Heinz Volkert]

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