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Bibellehre

„Sola gratia“ – oder: Was Juden und Christen verbindet

Johannes Gerloff - 7. April 2019

Am 31. Oktober 1517 hatte Martin Luther seine „Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum“ an Albrecht von Brandenburg geschickt. Der Erzbischof von Mainz und Magdeburg hatte darauf nicht reagiert. Deshalb begann Luther, seine so genannten „95 Thesen“, in denen er den kommerziellen Missbrauch des Ablasshandels anprangerte, selbst in Umlauf zu bringen. In den ersten deutschen Druckauflagen erschien die Schrift unter dem Titel „Propositiones wider das Ablas“. Das ist jetzt mehr als 500 Jahre her. Ob der Reformator sein Schreiben jemals eigenhändig an der Schlosskirche von Wittenberg angeschlagen hat, ist unter Historikern umstritten.

Luthers Widerstand gegen den Ablasshandel entsprang der Erkenntnis, dass ein Mensch sich sein Heil nicht aus eigener Anstrengung verdienen kann. Ewige Glückseligkeit ist nicht käuflich. Der Mensch wird allein aus Gnaden – lateinisch „sola gratia“ – mit Gott versöhnt und so gerettet.

Der Mönch Martin Luther hatte sich darum gemüht, seine eigene Vergangenheit, das religiöse Leistungsdenken seiner Zeit und die Höllenpanik des Mittelalters für sich selbst und letztendlich ganz Europa aufzuarbeiten. Ursprünglich war sein Gegenpol keine andere Religion gewesen, weder „Juden“ noch „Türken“, sondern die eigene, katholische Kirche. Wie kommt es, dass für Luthers geistige Erben bis heute vielfach „das Judentum“ mit seiner Werkgerechtigkeit im Gegensatz zum „Christentum“ als Gnadenreligion steht? Gerne scheinen Christen dem jüdischen Volk „das Gesetz“ und seine Verpflichtungen zu überlassen, während sie für sich selbst „das Evangelium“ der bedingungslosen Zuwendung Gottes in Anspruch nehmen.

Als Textzeuge wird oft der Brief des Paulus an die Galater ins Feld geführt. Dabei wird allerdings übersehen, dass der Apostel seinen Brief nicht gegen Juden, die sich der Thora verpflichtet sahen, geschrieben hatte. Vielmehr prangerte er einen Missbrauch des Judentums an, der in Galatien praktiziert wurde. Der Galaterbrief ist nicht an Juden, sondern an Nichtjuden gerichtet; und auch nicht an Ungläubige, die Jesus als Messias ablehnen, sondern an die Jesus-gläubigen, „herausgerufenen“ Gemeinden „in Galatien“, deren Werkgerechtigkeit und Judaisieren Paulus kritisiert. Paulus selbst brachte noch bei seinem letzten Besuch im Jerusalemer Tempel Opfer dar – ganz gewiss nicht, um sich dadurch seines Heils gewiss zu werden.

Irgendwie scheint Juden die Unterscheidung zwischen dem Christentum, das „allein aus Gnaden“ gerettet wird, und dem Judentum, das seine Gebote erfüllen muss, gar nicht so unrecht. Immerhin wird dadurch eine klar definierte, eindeutige, dogmatisch nicht ganz einfach überwindbare Distanz gewahrt. Forsch-salopp und ohne zu viele Vorüberlegungen knallte mir einmal ein lieber orthodox-jüdischer Freund an den Kopf: „Ihr Christen könnt tagsüber Juden in die Gaskammern treiben und abends eure Weihnachtslieder singen. Ihr werdet allein aus Gnaden gerettet. Wir Juden müssen praktisch im Leben umsetzen, was wir glauben!“ Derartige Verbalausrutscher sind mir persönlich sehr wertvoll. Sie offenbaren, was wir tatsächlich voneinander denken – bevor unsere Worte und Gedanken dialog-diplomatisch bereinigt wurden. Angesichts der späten Abendstunde und vielleicht auch meiner eigenen Prägung, vermochte ich meinem gelehrten rabbinischen Freund damals nur sagen: „So einfach ist das auch bei uns nicht.“

Einige Zeit später saß ich in einem Vortrag, den ein anderer Rabbiner in Jerusalem in hebräischer Sprache vor jüdischen Zuhörern hielt. Irgendwann kam er zu der Aussage: „Die Christen denken, sie hätten ganz neu entdeckt, dass ein Mensch nur aus Gnade durch den Glauben errettet werden kann. Dabei ist das eigentlich ein ‚ur-jüdischer‘ Grundsatz.“ Im gleichen Atemzug gab mir dieser Referent dann auch noch einen Schlüssel für mein weiteres Nachdenken in die Hand, indem er darauf verwies: „Wenn es eine Dogmatik gibt, der sich der größte Teil des gläubigen Judentums heute verpflichtet weiß, dann ist das der Siddur, das jüdische Gebetbuch.“

Daraufhin habe ich mich hingesetzt und das gesamte jüdische Gebetbuch, in diesem Fall eine sephardische Ausgabe, auf der Suche nach Verdienstdenken und Werkgerechtigkeit durchgearbeitet. Tatsächlich wurde ich fündig. An einer Stelle kommen die jüdischen Gebete dem Grundgedanken des mittelalterlichen Ablasshandels, den Martin Luther so vehement bekämpft hat, sogar sehr nahe. Der von Luther bekämpfte Dominikanermönch Johann Tetzel hatte formuliert: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“ Es ging also darum, hier im Diesseits etwas dafür bezahlen zu können, damit es einem geliebten Menschen im Jenseits besser geht.

In den Gebeten für die Verstorbenen, die am letzten Tag des Passahfests, des Schawuotfests, am Jom Kippur und zum Abschluss des Laubhüttenfestes an Schmini Atzeret nach der Thoralesung gesprochen werden, sagt der Beter: „Gedenke Gott der Seele des Verstorbenen, für den ich ein Almosen gebe. Als Lohn werde seine Seele unter die Lebenden gerechnet, gemeinsam mit den Seelen Abrahams, Isaaks und Jakobs, Sarahs, Rebekkas, Rahels und Leas, und dem Rest der gerechten Männer und Frauen im Garten Eden.“ Zugegeben: Diese Gebete gehören zu den ganz wenigen Passagen im Siddur, die nicht unmittelbar der Heiligen Schrift entnommen wurde. Aber immerhin: Hier haben wir quasi das jüdische Pendant zum Ablasshandel der katholischen Kirche des Mittelalters.

Und: Wird nicht eine Unzahl jüdischer Segenssprüche mit den Worten eingeleitet: „Gelobt seist du, Herr, unser Gott, König des Universums, der uns durch seine Gebote heiligt“? Ist das nicht Werkgerechtigkeit, wenn man Gott daran erinnert, dass – zwar zugegebenermaßen Er – aber immerhin doch ich selbst durch das Halten seiner Gebote geheiligt werde?! Jesus-gläubige Juden mögen diese Einleitung jüdischer Segenssprüche nicht und ändern sie auf unterschiedliche Weise ab, oder umgehen sie. Wo ich selbst diese Segenssprüche zu meinem eigenen Gebet gemacht habe, habe ich das „Ascher Kideschanu BeMizwotav“ („der uns heiligt in seinen Geboten“) oft ersetzt durch „Ascher Kideschanu BeMeschicho“ („der uns heiligt in seinem Messias“) – was sich in unserer persönlichen Familientradition bis heute im Erev Schabbat fest verankert hat. Mit dem Bekenntnis, dass es der Messias – im Gegensatz zum Halten der Gebote! – ist, der mich heiligt, fühlte ich mich wieder auf festen orthodox-christlichen Grund zurückgekehrt.

Aber: Ist Jesus nicht nach Aussage des Neuen Testaments das Fleisch gewordene Wort Gottes, das in den Geboten konkret für uns fassbar, begreiflich und im täglichen Leben umsetzbar wird? Und: Greift Jeschua selbst in seinem „hohepriesterlichen Gebet“ den Gedanken, dass seine Jünger durch die Gebote geheiligt werden auf, wenn er seinen Vater bittet: „Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit“? Außerdem hatte er seinen Nachfolgern schon zuvor zugesagt: „Ihr seid schon rein – das heißt: ‚geheiligt‘! – um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe“. Das „in ihm – dem Messias! – bleiben“ konkretisiert er wenige Sätze später, indem er das „wenn ihr in mir bleibt“ parallel setzt mit der Aussage „und meine Worte in euch bleiben“. Sind es dann im konkreten, täglichen Lebensvollzug nicht doch wieder, ganz einfach und unmissverständlich, ohne jede theologische Verschnörkelung gesprochen, „seine Gebote“, durch die Er(!) mich heiligt?

Es muss eingestanden werden: Mit den Gebeten für die Verstorbenen und dem Versuch „Ascher Kideschanu BeMitzvotav“ als Verdienstanzeige zu verstehen, habe ich die so verzweifelt gesuchte Nadel im sprichwörtlichen Heuhaufen hochgehalten. Ein umfassendes Durcharbeiten des jüdischen Gebetbuches ergibt ein ganz anderes Bild: Der Siddur atmet das „reformatorische sola gratia“ auf jeder Seite und prägt so jüdisches Leben durch und durch. Aus Zeit- und Platzgründen seien hier nur einige, wenige Beispiele genannt.

Jeder gläubige Jude beginnt jeden Tag mit dem Morgengebet, in dem er jedesmal bekennt: „Herrscher aller Welten, Herr der Herren, nicht auf unsere eigene Gerechtigkeit bauen wir unser Flehen vor dir, sondern auf deine große Barmherzigkeit. Was sind wir? Was ist unser Leben? Was ist unsere Erscheinung? Was unsere Gerechtigkeit? Was ist unser Heil? Was unsere Kraft? Was unsere Stärke? Was sagen wir vor dir, Herr, unser Gott, Gott unserer Väter? Sind nicht alle fähigen Leute wie nichts vor dir? Sind die berühmten Leute nicht als hätte es sie nie gegeben? Die Weisen ohne Wissen? Die Gebildeten ohne Verstand? Die Größe ihrer Leistung ist ein Chaos. Die Tage ihres Lebens sind ein Hauch vor dir.“

Wenn es um den Erlösungsakt Gottes par excellence geht, die Sammlung des Volkes Israel in das Land Israel, beruft sich der jüdische Beter nicht etwa auf die Verdienste, die Treue oder durch Leiden erworbenen Vorrechte seines Volkes, sondern er bittet, ebenfalls im Schacharit (Morgengebet): „Sammle die Zerstreuten derer, die auf dich hoffen, von den vier Enden der Erde. Es sollen anerkennen und wissen alle, die in die Welt kommen, dass du allein der [eine, wahre, lebendige] Gott bist, der Höchste für alle Königreiche der Erde.“

Nicht Leistungen oder Verdienste von Gläubigen werden in diesen Gebeten als Grund und Motivation für Gottes Erlösungshandeln genannt, sondern die Ehre des lebendigen Gottes und seine Zielsetzung im Blick auf die gesamte Völkerwelt: „Es sei der Herr König über die ganze Erde. An jenem Tag ist der Herr Einer und sein Name Einer.“ Immer wieder wird an das Wesen Gottes appelliert: „Er ist barmherzig, bedeckt Verfehlung und vernichtet nicht.“ Denn: „Du bist der Erste, du bist der Letzte. Außer dir haben wir keinen König, Erlöser und Erretter.“ Alles konzentriert sich auf „die Dreizehn“ – die dreizehn Eigenschaften des Gottes Israels: „Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Gnade und Wahrheit. Der Gnade formt für Tausende. Der Sünde, Verbrechen und Verfehlung trägt. Der reinigt und vergibt unsere Sünde und Verfehlung und uns ein Erbteil zuweist.“

Aus dem Bewusstsein für diese Grundwesenszüge des Schöpfers folgt logischerweise die Aufforderung an die Gläubigen: „Sucht eure Sicherheit nicht bei hochgeachteten und mächtigen Freigebigen, bei Menschen, denn bei ihnen gibt es keine Erlösung… Glücklich ist, dessen Hilfe der mächtige Gott Jakobs ist!“ Diese Erkenntnis mündet dann immer wieder – fast schon automatisch – in die Bitte ein: „Erlöse uns mit einer vollkommenen Erlösung, bald, um deines Namens willen, denn du bist ein starker Erlöser. Gelobt seist du, Herr, Erlöser Israels.“ „Den Spross Davids, deines Knechts, lass bald sprossen, und sein Horn erhebe in deinem Heil, denn auf deine Errettung haben wir den ganzen Tag unsere Hoffnung gesetzt. Gelobt seist du Herr, der das Horn des Heils sprossen lässt.“

Die Gebete Israels erweisen das Judentum als Gnadenreligion. Diese Erkenntnis sollte nicht verwundern. Wie kaum ein anderes Gebetbuch ist der Siddur in der Heiligen Schrift verankert. Dort wird die Erlösung von Anbeginn als Gnadenakt des Schöpfergottes berichtet. „Aus Ägypten hast du uns erlöst, Herr, unser Gott, aus dem Haus der Knechtschaft hast du uns befreit…“, erinnert sich der jüdische Beter. Israels Auszug aus Ägypten, dem Land des Todes und der Versklavung, war in seinem Ursprung die Idee des Schöpfers und in seiner Durchführung das Werk dessen, der sich dem ägyptischen Pharao als der Vater entgegenstellt, der um seinen Erstgeborenen Sohn eifert.

Von der historischen Verwurzelung her zelebriert die christliche Kirche – ob sie sich dessen bewusst ist, oder nicht – in der Eucharistie gemeinsam mit dem jüdischen Volk das Passahmahl. Im Abendmahl erinnert, lehrt und vergegenwärtigt die Gemeinde dieses Rettungshandeln Gottes. In der Mahlfeier versammelt sich der Leib Jesu, um die Erlösung des Volkes Gottes zu feiern – gewiss mit der zusätzlichen Anweisung des Messias: „Dies tut von jetzt an zu meinem Gedächtnis!“

Auch für Christen aus den nichtjüdischen Nationen geht es erst nach dem Auszug aus dem Machtbereich der pyramidenartig-überwältigenden Gräber und der Gebundenheit in der Gottesferne zum Sinai, wo Gott seinen Willen offenbart. Dort, am Horeb, sagt der Schöpfer, was er sich von uns wünscht, gibt seinen Kindern eine Ausrichtung, setzt ihnen ein Ziel, vertraut seinem Volk die Thora an. Und wenn Gott seinen Willen offenbart, ist darin immer die Aufforderung zum Gehorsam, die Erwartung des gelebten Glaubens, die Verpflichtung zu einem entsprechenden Lebenstil enthalten. Darin unterscheidet sich die Völkerwelt nicht von Israel. Eine Gottesbeziehung, die im täglichen Leben keinen Niederschlag findet, ist nichts als ein philosophischer Klimmzug. Glaube, der nicht in die Tat mündet, ist tot. Das gilt für Christen gleichermaßen wie für Juden.

Dass der Gott Abrahams, Isaaks und Israels Menschen „allein aus Gnaden“ rettet, mag für den Augustinermönch Martin Luther eine Neuentdeckung gewesen sein. Im ausgehenden Mittelalter Mitteleuropas, das vom damaligen Denken der katholischen Kirche und dem höchst mondänen Bestreben einen prunkvollen Petersdom in Rom zu bauen geprägt war, mag es unerhört gewesen sein. Ganz gewiss gab und gibt es bis heute auch jüdische Menschen, die meinen, sich durch die Erfüllung von Geboten, das Einhalten bestimmter Riten und eigene religiös-motivierte Leistung vor Gott Ansehen und vielleicht sogar die Erlösung erarbeiten zu können. Das ist menschlich und gehört zu jeder Religion – übrigens auch zum Christentum. Für die biblische Offenbarung, wie wir sie im so genannten Alten und Neuen Testament vor uns haben, war allerdings von Anfang an klar, dass ein einzelner Mensch, wie die Menschheit überhaupt, ausschließlich durch die liebevolle Zuwendung des Schöpfers aus Sünde, Krankheit, Ungerechtigkeit, Krieg, Leiden und Tod erlöst werden kann. Das Einzige, was ein Mensch dazu beitragen kann, ist, den Schöpfer als Herrn, Erlöser und Vater anzuerkennen – und seinen Namen anzurufen. Darin sollten sich Juden und Christen einig sein.

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